Physik – der zum Scheitern verurteilte Versuch die Welt über ihre materiellen Eigenschaften zu erklären

Ich bin Physiker – oder zumindest war ich es mal – und bin immer noch interessiert. Ich höre jeden Tag irgendwelche Podcasts zu Themen der Physik, lese Wissenschaftsmagazine und schaue mir immer wieder mal Veröffentlichungen in physikalischen Fachzeitschriften an. Die Physik ist für mich die wohl bedeutendste Wissenschaft, da sie sich recht erfolgreich daran versucht, die gesamte Welt aus einer materialistischen Sicht zu erklären. Auf die Frage “Was ist denn Physik eigentlich” antworte ich dennoch in der Regel mit dem Satz in der Überschrift. Warum?

Wie geht Physik?

Die Physik als Wissenschaft bedient sich einer Methode. In der Regel funktioniert das so: Man beobachtet etwas, zum Beispiel, dass ein Apfel vom Baum fällt. Nun entwickelt man Hypothesen die das Beobachtete erklären könnten. Newton hat die Hypothese aufgestellt, dass sich materielle Objekte gegenseitig anziehen. Alternativ kann man auch die Hypothese aufstellen, dass alle Gegenstände magnetisch sind und sich gegenseitig anziehen.

Aus einer Hypothese wird eine Theorie wenn man daraus Vorhersagen ableiten kann, die dann wieder in der Welt beobachtet werden können. So hat Newton mit seiner Gravitationstheorie nicht nur das Fallen von Äpfeln, sondern auch die Bewegung der Planeten um die Sonne erfolgreich erklärt. Die “Gegenstände sind magnetisch” Hypothese könnte das auch vorhersagen, allerdings würden auch Vorhersagen über die Beeinflussung der Bewegung von Elektronen oder anderen elektrisch geladenen Teilchen ergeben, die sich aber so nicht beobachten lassen. Daher kann diese Hypothese nicht zur Theorie aufsteigen.

Außerdem muss eine Theorie widerlegbar sein – es muss also zumindest theoretisch die Möglichkeit geben zu beweisen, dass die Theorie nicht stimmt – man muss nicht beweisen, dass eine Theorie stimmt sondern es muss möglich sein zu beweisen, dass sie nicht stimmt. Newton hat aus der Beobachtung, dass Äpfel vom Baum auf die Erde fallen, seine Gravitationstheorie abgeleitet. Diese sagt eindeutig, dass alle Äpfel auf der Erde, egal an welchem Ort, immer auf den Boden fallen. Würde man nun hin und wieder beobachten, dass ein Apfel nicht auf die Erde sondern in den Himmel fällt, dann wäre die ganze schöne Theorie damit widerlegt.

Wenn man mal darüber nachdenkt, ist das ein wirklich schweres Geschütz. Damit fallen alle “esoterischen” Erklärungen der Welt aus dem Raum der Wissenschaft raus. Wird etwas mit einem “übernatürlichem” Wesen oder “übernatürlichen” Fähigkeiten begründet, so fällt sofort das Schwert der Wissenschaft hernieder, denn so etwas läßt sich nicht widerlegen. Das bedeutet nicht, dass die Welt nicht in Wahrheit “esoterisch” sein kann, es bedeutet nur, dass eine solche Theorie im strengen Sinne unwissenschaftlich ist.

In der Praxis werden dann Versuche im Labor oder Beobachtungen in der Natur gemacht, die eine Theorie unterstützen oder widerlegen.

Erfolge der Physik

Mit diesem wissenschaftlichen Ansatz hat die Physik unglaubliche Erfolge zu verbuchen. Alle reproduzierbaren makroskopischen Beobachtungen – also Dinge die wir in der Welt direkt beobachten können – konnten damit erklärt werden. Der Aufbau der Materie im kleinsten – Atome und deren Bausteine – ist heute genauso verstanden, wie die Frage was ein Stern ist und warum er so viel Energie abstrahlt oder wie das Universum entstanden ist und sich entwickelt hat. An sich ist diese Sicht auf die Welt konsistent. Solange man die Methode anerkennt, kann man diese Erkenntnisse nicht leugnen. Das kann man natürlich, wenn man die wissenschaftliche Methode nicht akzeptiert.

Ich möchte auch noch klar machen, dass die Physik damit keinesfalls erklärt wie die Dinge wirklich – im Kant’schen Sinne – sind, sondern nur eine Methode anbietet, sie zu erklären. In “Wahrheit” kann es auch ganz anders sein. Doch die Methode macht Wissen nutzbar – moderne Medizin ist ohne Quantenmechanik nicht mehr zu denken, Atomkraftwerke und -bomben gäbe es ohne die Kernphysik genauso wenig wie die Kernspintomographie. Fernseher, Computer, Handys, das Auto … was auch immer der Mensch “erfunden” hat, basiert auf den Erkenntnissen, die mit dieser Methode gesammelt wurden.

Was wir noch nicht wissen

Um 1900 herum war man der Meinung, im Grunde ist alles erklärt und gefunden. Physik war eine brotlose Kunst. Bis dann Einstein, Heisenberg und Plank zeigten, dass es da doch noch das Ein oder Andere gibt … Heute käme niemand mehr auf die Idee zu behaupten, alles wäre erklärt. Gerade in der Astronomie gibt es jeden Tag Beobachtungen, die zu neuen Theorien führen. Dunkle Materie und Dunkle Energie (die allerdings nichts miteinander zu tun haben) sind die großen Fragezeichen der heutigen Physik. Und es ist bis heute nicht erklärt, wie Quantenphysik und die Gravitationstheorie (nach Einstein) zusammen passen. Mal abgesehen von Hypothesen wie der String-Theorie oder der Schleifen-Quanten-Gravitation die zwar einige offenen Fragen beantworten könnten, im Grunde aber keine wissenschaftlichen Theorien sind, da sie bisher keine überprüfbaren Vorhersagen gemacht haben. Die “Natur” der Energie ist genauso wenig erklärt wie die Frage warum denn eigentlich Ladungen, Masse oder Volumen überhaupt existieren.

Was die Physik nicht kann

Die Physik versucht die Welt über ihre materiellen Eigenschaften zu erklären. Man schaut sich also Wechselwirkungen zwischen Objekten an. Dazu muss man die Objekte selber nicht einmal beobachten können, es reicht, wenn man die Ergebnisse einer Wechselwirkung sehen kann – so hat bisher noch niemand “direkt” ein Higgs-Teilchen gesehen, aber aufgrund der Wechselwirkung mit anderen Teilchen konnte “eindeutig” gezeigt werden, dass es sie gibt.

Doch am Ende ist die Physik zum Scheitern verurteilt. Wie soll man anhand von materiellen Eigenschaften erklären können, warum es die Welt überhaupt gibt? Selbst wenn man irgendwann “vor den Urknall” schauen könnte – was war dann vor dem was man da beobachtet – oder davor – oder davor … Egal wie viele Fragen wir beantworten, es werden immer neue Fragen auftauchen.

Die Grenzen der Erkenntnis sind bereits an verschiedenen Ecken bekannt. So läßt sich grundsätzlich nichts beobachten, was kleiner als das sogenannte Planck-Volumen ist. Die Lichtgeschwindigkeit (im Vakuum) markiert eine weitere Grenze, Informationen lassen sich nicht schneller übertragen. Das führt dazu, dass wir über bestimmte Regionen des Universums keine Informationen mehr erhalten können. Was sich im Innern eines Schwarzen Lochs abspielt können wir grundsätzlich nicht herausfinden, da aus einem Schwarzen Loch per Definition keine Informationen mehr heraus kommen.

Ich betrachte mich als Materialisten, aber die Beschäftigung mit der Wissenschaft, die sich wie keine Andere auf materielle Eigenschaften bezieht, hat mich dazu gebracht zu erkennen, dass sich damit eben nicht alles erkennen läßt. Heute verstehe ich besser, warum so viele Physiker gleichzeitig irgendwie an Gott oder etwas ähnliches glauben können. Ich bin (noch?) nicht an dem Punkt angelangt, aber sicher schon bei der Erkenntnis, die Physik wird mir nicht die Antworten auf das Leben, das Universum und den Rest geben …

Physik ist eben nur der zum Scheitern verurteilte Versuch, die Welt über ihre materiellen Eigenschaften zu erklären, auch wenn sie auf dem Weg zum Scheitern eine ganze Menge Erfolge zu verbuchen hat …

Ein Gedanke zu „Physik – der zum Scheitern verurteilte Versuch die Welt über ihre materiellen Eigenschaften zu erklären

  1. Moin Bruderherz,
    ich glaube, dass man vom Kopf her sicherlich bereit ist, die Welt anhand der Physik zu erklären. Aber das Gefühl, das Herz – die Liebe kann einem das Leben erklären.

    Sicherlich kommt immer erst “das Fressen” – und dazu zähle ich die Physik – das Materielle… Aber danach?

    Nach und nach erkenne ich, dass nur die Liebe – zu allem was man irgendwie finden kann, einem hilft, das Leben wirklich zu leben. Auch wenn das für den ein oder anderen esotherischer Humbug ist. Aber ich glaube, wenn man sich auf die positiven Dinge im Leben stützt, anstatt sich auf die negativen Elemente zu fokussieren, und damit der Liebe mehr Raum lässt, geht es einem einfach besser. Man erhält mehr Liebe zurück – und das ist das Einzige was zählt.

    Lieben Gruß
    Christian

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